Backgrounder

Die ungeregelte Regel:

 
Wissenswertes zu Blutungsstörungen
Die Menstruation der Frau ist seit Jahrtausenden ein bedeutsames Thema in vielen Kulturen. Um das „Tage haben“ rankten sich viele Mythen, die die gesellschaftliche Stellung der Frau wesentlich mitgestalteten. Zum Beispiel betrachteten im 19. Jahrhundert Ärzte die Regelblutung als eine nicht ausgelebte Schwangerschaft. Sie empfahlen deshalb, dass die Frauen zwischen ihrer Menarche und Menopause permanent schwanger sein sollten, um niemals zu menstruieren.1 Aber auch weitere Faktoren bedingten, dass die Frauen früher vergleichsweise seltener ihre Tage hatten: So waren im 19. Jahrhundert Familien oftmals so arm, dass sie auf die Mitarbeit von Kindern in der und für die Familie angewiesen waren. Kinderreichtum wurde oftmals mit monetärem Wohlstand gleichgesetzt, und viele Kinder zu haben bedeutete für viele Familien die Sicherung ihrer Existenz.2

Trotz der sozialen und kulturellen Bedeutung der Menstruation war und ist sie bis heute ein Tabuthema. Der weibliche Zyklus wird in den westlichen Industriegesellschaften in den privaten Bereich verdrängt; in der gesellschaftlichen Sphäre gilt er als „Störfaktor“. Die mangelnde sozioökonomische Wertschätzung dieses Aspektes der Weiblichkeit und des Frauseins führt dazu, dass viele Frauen ihre Regel als belastend empfinden.3 Wenn die Monatsblutung tabuisiert und stets als Ausnahmezustand wahrgenommen wird, wie schwierig gestaltet sich dann erst der Umgang mit einer Regel, die nicht der Regel entspricht?

Was sind abnorme uterine Blutungen?
Abnorme uterine Blutungen (AUB) umfassen u. a. zu starke, schmerzhafte und verlängerte Blutungen. Jede uterine Blutung, die nicht auf den normalen Menstruationszyklus zurückzuführen ist, ist eine Blutungsstörung.4 Blutungsstörungen treten vor allem in der reproduktiven Lebensphase zwischen Menarche und Menopause auf. Etwa ein Drittel der ambulanten Konsultationen in der Gynäkologie stehen im Zusammenhang mit abnormen uterinen Blutungen.5

Starke Blutungen sind durch einen Blutverlust von mehr als 80 Milliliter gekennzeichnet. Während in einer normalen Monatsblutung durchschnittlich 10 Tampons verwendet werden, erfordert eine starke Monatsblutung 40 bis 50 Tampons. Das entspricht einem Flüssigkeitsvolumen von zwei Gläsern Wasser, im Vergleich zu einem halben Glas bei einer normalen Menstruation.6

Ursachen
Die Ursachen für abnorme uterine Blutungen sind vielfältig: Blutgerinnungsstörungen, hormonelle Störungen sowie gut- und bösartige Veränderungen der Gebärmutter können AUBs verursachen.7 Darüber hinaus kommt es zu Blutungsstörungen, wenn sich die Gebärmutterschleimhaut während der Menstruation nur schwer oder nicht vollständig ablösen kann. Als Hauptursache für Blutungsstörungen gelten Myome, also gutartige Wucherungen der Gebärmuttermuskulatur. Wird beispielsweise die Muskelbewegung des Uterus durch ein Myom gestört, können schmerzhafte Krämpfe mit verstärkten oder verlängerten Blutungen auftreten. Eine Studie von Nelson et al. hat aufgezeigt, dass in ca. 50 Prozent der Fälle die zu starken Blutungen durch Myome verursacht wurden.8

Symptome und der tabuisierte Umgang mit ihnen
Frauen mit Blutungsstörungen können neben den abnormen Blutungen unter Schmerzen und Anämien leiden. Sie sind häufig blass und fühlen sich müde. Sind Myome die Ursache für die Blutungsstörungen, so haben die Betroffenen auch Druckgefühle im Bauch sowie Verstopfung, häufiges Wasserlassen, Schmerzen beim Geschlechtsverkehr und Erschöpfungszustände.9

Darüber hinaus wirken sich die körperlichen Symptome deutlich auf die Lebensqualität und das Wohlbefinden der Betroffenen aus. Häufig sind die Frauen damit beschäftigt, ihre starken Blutungen und Schmerzen zu kontrollieren und sie vor ihrer Umwelt zu verbergen. Ihr Berufs-, Privat- und Sexualleben ist deutlich eingeschränkt. Sportliche Aktivitäten werden beispielsweise auf ein Minimum reduziert.

Oftmals empfinden die Betroffenen auch Scham, was dazu führt, dass die Frauen vergleichsweise spät einen Arzt aufsuchen. Laut der Studie von Nelson et al. litten zwei Drittel der betroffenen Frauen für mehr als sechs Monate unter starken Monatsblutungen, bis sie Hilfe suchten.10 Frauen mit Blutungsstörungen schätzen die Symptome als vorübergehende Erscheinungen ein oder missinterpretierten sie als sehr starke Monatsblutungen. Die betroffenen Frauen entscheiden sich vor allem dann für einen Arztbesuch, wenn die Symptome schwerwiegend sind oder sie durch Familie und Freunde dazu ermutigt werden.11 Oftmals jedoch finden sich betroffene Frauen jahrelang mit starken Blutungen und Regelschmerzen ab, ohne etwas dagegen zu tun. Dabei gelten Blutungsstörungen, insbesondere die durch Myome verursachten, als gut behandelbar.

Therapien
Bei der Behandlung von abnormen uterinen Blutungen gibt es hormonelle, medikamentöse und invasive Behandlungsmöglichkeiten, wobei die konservativen Therapien als erstes eingesetzt werden sollten. Bei Blutungsstörungen, die auf hormonelle Ursachen zurückzuführen sind, können Hormone wie Östrogene und Gestagene oder eine Levonorgestrel-Spirale eingesetzt werden. In der medikamentösen Therapie kommen Antifibrinolytika und nichtsteroidale Antiphlogistika zum Einsatz.12

Zur Behandlung von Myomen steht inzwischen ein Medikament zur Langzeit-Intervall-Therapie zur Verfügung. Mit sogenannten selektiven Progesteron-Rezeptor-Modulatoren (SPRMs), wie Ulipristalacetat (UPA), lassen sich Myome gezielt verkleinern und übermäßig starke Blutungen schnell kontrollieren.13 Medikamentöse Behandlungen haben den Vorteil, dass sie die Gebärmutter schonen und somit die Fruchtbarkeit erhalten können. Operative Therapien ermöglichen dies nur eingeschränkt.

Bei der Endometriumablation, einer invasiven Behandlungsmöglichkeit bei Blutungsstörungen, wird die Gebärmutterschleimhaut im Rahmen einer Gebärmutterspiegelung (Hysteroskopie) abgetragen, und die Blutungen werden dadurch unterdrückt. Myome lassen sich durch invasive radiologische Verfahren wie die Uterine Arterienembolisation (UAE) oder die Magnetresonanztomographie-gesteuerte fokussierte Ultraschalltherapie (MRgFUS) und operativ durch Myomenukleation oder die Entfernung der Gebärmutter (Hysterektomie) behandeln. Die häufigste Indikation für eine Hysterektomie stellen Myome und Blutungsstörungen, also benigne Erkrankungen des Uterus, mit 75 Prozent dar.14 Eine Entnahme der Gebärmutter ist allerdings erst nach Versagen anderer Behandlungsalternativen und auf Wunsch der Patientin durchzuführen.15

Quellen:

1 Hering, S., Maierhof, G. (2002), Die unpäßliche Frau. Sozialgeschichte der Menstruation und Hygiene, 2. Aufl., Frankfurt am Main: Mabuse.
2 Bönig, J. (2012), Zur Geschichte der Kinderarbeit in Deutschland und Europa. Aus Politik und Zeitgeschichte, Bd. 62, Nr. 43: 3-9.
3 Brodli, L., Pröll, G., Reiter, A. (2006), Die Menstruation – wesentliches Element des Frauseins oder abzuschaffendes Übel? Bedingungen und Maßnahmen für eine positive Integration der Menstruation in die Integration der Frau. Forschungsbericht, Wien: KulturSoziologieWerkstatt – Institut für angewandte Sozialforschung und Evaluierung.
4 Fraser, I.S., Critchley, H.O., Munro, M.G. et al. (2007), A process designed to lead to international agreement on terminologies and definitions used to describe abnormalities of menstrual bleeding. Fertil. Steril. 87: 466-476.
5 Stute, P. (2012), Abnorme uterine Blutung. CME Zertifizierte Fortbildung. Gynäkologische Endokrinol. 10: 197–209.
6 Gaetje, R. et al. (2006), Therapiemöglichkeiten der uterinen Blutungsstörung. Frauenarzt 47: 738-741.
7 Munro, M.G., Critchley, H.O., Fraser, I.S. for the FIGO Menstrual Disorders Working Group (2011), The FIGO classification of causes of abnormal uterine bleeding in the reproductive years. Fertil. Steril. 95: 2204-2208.
8 Nelson, A. L., Ritchie, J. J. (2015), Severe anemia from heavy menstrual bleeding requires heightened attention. Am. J. Obstet. Gynecol. 213: 97.e1-97.e6.
9 Zimmermann, A. et al. (2012), Prevalence, symptoms and management of uterine fibroids: an international internet-based survey of 21,746 women. BMC Womens Health 12: 6.
10 Nelson, A. L., Ritchie, J. J. (2015), Severe anemia from heavy menstrual bleeding requires heightened attention. Am. J. Obstet. Gynecol. 213: 97.e1-97.e6.
11 Research Partnership. Insight into the lives of uterine fibroid patients (quantitative research). Field dates October 2014 – March 2015.
12 Gaetje, R. et al. (2006), Therapiemöglichkeiten der uterinen Blutungsstörung. Frauenarzt 47: 738-741.
13 Donnez, J. et al. (2016), Long-term medical management of uterine fibroids with ulipristal acetate. Fertil. Steril. 105, 165–176.
14 Freifrau von Welser, S., Ortmann, O., Seitz, S. (2015), Risikokommunikation bei operativen Eingriffen am Beispiel der Hysterektomie. Gynäkologe 48: 586-592.
15 Deutsche Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe (DGGG) e.V. (2015), Indikation und Methodik der Hysterektomie bei benignen Erkrankungen. Leitlinienprogramm, AWMF-Registernummer 015/070, Leitlinienklasse S3.

 

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